Platinum Games hat es schon nicht einfach: Das junge japanische Studio, das aus dem Kreativhaufen Clover Studios hervorgegangen ist, hat gerade mal eine Hand voll Spiele veröffentlicht - die durch die Bank gut bis brillant (hallo Bayonetta) sind! Ein Zustand, der sich mit Vanquish nicht ändert...
Sam Gideon ist kein Allerwelts-Spacemarine: Zum einen ist er politisch wunderbar inkorrekt - er flucht wie eine Kneipe voller Iren, raucht wie ein Schlot (mit einer Fluppe kann man übrigens auch Gegner ablenken) und pflegt eine etwas übercoole Badass-Knarzstimme. Zum anderen trägt er den coolsten Anzug seit der Master Chief-Kluft - den »Augmented Reaction Suit«. Der sieht nicht nur verdammt stylisch aus, sondern hat auch einige Extras, die nicht mal bei Jaguar serienmäßig verbaut werden: Da wäre zum einen der Boost, dank dem er auf Knien oder dem Arsch raketenbeschleunigt durch die Level schliddert - zwar aufgrund der begrenzten Anzugenergie nur kurz, aber dafür umso heftiger. Denn dieser Boost sorgt für ein unglaublich rasantes Spielerlebnis: Raus aus der Deckung, Boost an, dem Gegner im Nahkampf das rotglühende Auge ausgekickt, rein in den Boost, hinein in die nächste Deckung, erstmal Kippe an klingt noch nicht aus den Socken sprengend - beeindruckend?
Okay, dann kombinieren wir das doch mal mit dem anderen Extra: Dem AR-Modus, der hier nur ein anderes Wort für Zeitlupe ist, die man ebenfalls begrenzt aktivieren kann. Nehmen wir nochmal das gleiche Beispiel zur Hand: In Zeitlupe raus aus der Deckung, im Sprung zwei Gegner erledigt, mit Boost zum dritten, diesen mit einem Sprungkick in einen glühenden Fetzen Schrott verwandelt, schnell die Scharfschützenknarre gezückt, einen Mech-Besitzer aus seiner Kanzel geballert, ab in den Boost, zack in den Mech gehopst, die Umgebung in ein rauchendes Trümmerfeld verwandelt, raus aus dem Mech, rein in den Boost, hinter die nächste Deckung gezischt, erstmal Kippe an. In Bewegung ergibt das ein derart berauschendes Ergebnis, das beim Filmvergnügen mit dem Fallenlassen der Popcornschüssel gleichgesetzt werden kann. This! Is! Vanquish!
»The Fast and The Furious« - ärgerlicherweise ist dieser Titel mit gepimpten Karren und Vin Diesel verbunden. Und bei »Combat Evolved« denkt man auch erstmal an Halo. Leider, denn auf Vanquish passen beide Sprüche wie die Faust aufs Roborussenauge: Es ist der schnellste, wildeste, prächtigste, stylischste Shooter unserer Tage! Ja, das Missionsdesign wird keine Innovationspreise gewinnen - zwar stecken viele coole Ideen drin, über weite Teile blieb das Team um Shinji Mikami aber konventionell. Ja, man bekommt es die ganze Zeit über mit immergleichen Gegnern zu tun - aber die verhalten sich so clever und herausfordernd, dass man ob der 400ten Kerbe in der Klappknarre nur mit den Schultern zuckt.
Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Vanquish eigentlich ein gewöhnlicher Shooter sei, der in vielerlei Hinsicht an andere Spiele erinnert - aber es ist ein gewöhnlicher Shooter mit einer brillanten Präsentation, einem saucoolen Helden, faszinierend rasanten Fights, wahnwitzigen Bosskämpfen, kreativem Einsatz der Zeitlupe sowie scheinbar endlosen Vorräten an Stil, der wie kaum ein anderer Vertreter seines Genres einen Trance-ähnlichen Spielfluss erzeugt, dem man sich kaum entziehen kann. Zu schade nur, dass diese audiovisuelle Perle schon nach etwa sieben Stunden vorbei ist - aber das sind sieben Stunden mit einem der besten Actionerlebnisse, das man gegenwärtig für Geld kaufen kann. Ein durchgestyltes Baller-Kleinod, das sich kein Shooter-Fan entgehen lassen darf!